Endlich!

Ein Interviewtermin für die ganze Familie ist da. Lange haben sie gewartet. Sie sind aufgeregt. Kannst du mitkommen, fragen sie mich. Sie wissen, dass ich eigentlich nichts machen kann, nichts sagen darf. Ich darf nur da sitzen wie ein Stein, ein Fels vielleicht, als könnte man sich daran anlehnen, festhalten. Wahrscheinlich ist es erlaubt von innen zu leuchten, Zuversicht und Mut auszustrahlen, trotz allem was kommen kann.

Alles neu

Eine neue Gruppe im Deutschcafe. Erst seit ein paar Tagen im neuen Quartier. Transit denke ich, spüre ich. Noch nicht da. Eine flatterhafte Unruhe. Manche zücken Hefte, Stifte, die meisten Analphabeten in der eigenen Sprache, nie in einer Schule gewesen. Wir stellen uns vor. Schön langsam. Heute sprechen wir nur, schreiben kommt später. Einige atmen auf, entspannen sich. Wir fangen mit Körperteilen an. Manche wissen schon was. Wir verbinden es mit Farben. Fast alle haben schwarze Haare. Die Frau mit dem versteinerten Gesicht lächelt plötzlich. Ihre Haarfarbe ist nicht schwarz. Wir gehen die Farbpalette durch. Bei gelb nickt sie. Wir sagen hier blond. Blond, wiederholt sie. Unter dem Tuch kann es niemand sehen, es ist ihr Geheimnis. Meine Haare sind am Ansatz grau, der Rest getönt. Sie verstehen, sie lachen. Der Bann scheint gebrochen. Die Lehrerin ist auch nur ein Mensch. Wir arbeiten uns weiter durch, bis zu den Zehen, die im arabischen Finger vom Fuß heißen.

Arztbesuch

Hautarzttermin, ein eigenartiges Muttermal soll bewertet werden. Oh mei, sagt die Frau hinter der Anmeldung, als sie statt der e-card die weiße Karte sieht und ob wir überhaupt einen Termin haben, ja haben wir, genauso wie die Überweisung vom Hausarzt. Wir kommen dran. Die Ärztin fragt uns, wo liegt das Problem? In ihrer Stimme sitzt ein ganzer Gletscher. Sie sieht sich das Muttermal kurz an. Da muss man nichts machen, sagt sie. Mehr nicht. Wir sehen uns an. Fast glaube ich meine Freundin hat eine Mischung aus Aussatz und Pest. Sie ist eine junge, sehr gepflegte Frau, sie ist Akademikerin und hat nach einem umfangreichen Auswahlverfahren einen lukrativen Job bekommen als alles zerbombt wurde. Das alles weiß die Ärztin nicht, auch nicht dass ihr Cousin letzte Nacht im alten Heimatland gestorben ist. Aber muss man das als Ärztin wissen, um eine Patientin freundlich zu behandeln, zumal sie für ihre Leistung völlig ordnungsgemäß bezahlt wird?

Aleppo

Manchmal schließe ich meine Augen und stelle mir vor in Aleppo zu sein, nicht im Zentrum, ein wenig außerhalb. Wir haben viele Olivenbäume, gewinnen Öl und legen die Oliven ein, wir haben zehn Kühe, wir bauen Linsen an und Gemüse. Es reicht gut zum Leben. Wir haben drei Kinder. Der Älteste geht zur Schule, die Mittlere in den Kindergarten, die Kleine ist kränklich, wir müssen oft zum Arzt mit ihr. Früher dauerte die Fahrt eine halbe Stunde, dann waren es 15 Stunden. Dann war es zu gefährlich. Ich hab noch das Geräusch des Traktors im Ohr, wenn er aus der Garage fährt, hinaus auf die Felder und wie die Blätter am Olivenbaum rascheln, wenn der Wind durchfährt.

Miteinander

Oft sitze ich mit Menschen in kleinen Räumen, manchmal am Teppich zwischen den Stockbetten. Wir trinken zusammen Tee, alle sind immer sehr gastfreundlich, Tee ist das Mindeste, was ich in ihren kleinen Zimmern auf jeden Fall annehmen muss, selbstgemachtes Fladenbrot oder kleine süße Kugeln, die unseren Rumkugeln ähnlich sind. Sie erzählen von ihrem vergangen Leben und ich von meinem, von unserem, es beginnt sich zu verweben.

Redewendung

Dein Sohn? fragt mich eine in der Runde, wieder gesund? Fast, sag ich. Wie sagt man, fragen sie. Ich verstehe, was sie meinen, gute Besserung! Wir sagen – gute Besserung, wenn jemand krank ist. Sie schreiben es in ihr Heft, als wichtige Redewendung. Es wird besser werden – auch unser Miteinander und auch das mit der alten Angst vor allem Fremden – Ich wünsche es mir sehr. So fremd sind wir uns im Inneren nicht.

Made in Germany

Im Kurs muss ein Mann immer wieder aufstehen, weil sein Bein bei einem Angriff verletzt wurde, Tellermine, buumm, Made in Germany, hat er mir einmal erzählt. Er kann nicht lange sitzen, trotzdem ist er meist gut drauf. Er fragt mich nach einem Job, auch ohne Geld, damit er besser Deutsch lernen kann. So einfach ist das nicht und nicht alle hier sind glücklich darüber, dass ihr zu uns gekommen seid, versuche ich zu erklären. Aber wir sind doch auch Menschen, sagt er. Was soll ich da sagen? Die anderen Kursteilnehmer helfen mir. Sie sagen, die meisten Menschen hier sind freundlich, da sind sich alle einig, ja das stimmt.

Afghanistan

Manchmal schließe ich meine Augen und stelle mir vor in Afghanistan zu sein, nördlich von Kabul, ich stehe auf einer Straße. Ich verstehe die Sprache nicht, ich weiß nicht wohin ich soll, ich vertrage das Essen nicht. Ich soll warten, bedeutet mir jemand. So warte ich und warte. Ich darf nicht auffallen, Menschen wie mich, sehen sie hier nicht gerne. Ich darf keine Probleme machen, ich darf nicht arbeiten, den lokalen Arbeitsmarkt nicht stören. Meine Kinder habe ich zurückgelassen, ich muss erst einen Ort finden, an dem wir alle sicher sind und bleiben können, wo sie zur Schule gehen können, wo kein Terror herrscht. Eine Frau erbarmt sich, sie lädt mich auf einen Tee ein. Sie muntert mich auf, helfen kann sie mir nicht viel, sie reicht mir die Hand. Ich versteh nicht, was sie sagt, es wird wohl heißen: Das wird schon! Ich hoffe und warte.

Unser kleines Dorf

Heute habe ich einen Workshop mit Kindern von 8 bis 12 im Rahmen der Jungen Uni gehabt. Die Welt als Dorf mit 100 Menschen dargestellt, um die Zusammenhänge leichter begreifen zu können. Jede Person im Dorf steht für rund 61 Millionen Menschen. Zwei in diesem Dorf sprechen Deutsch, zwanzig Chinesisch, siebzehn haben immer Hunger, elf sind stark übergewichtig, zwei besitzen die Hälfte des ganzen Vermögens im Weltdorf Globo. Ein Mensch im Dorf ist auf der Flucht. Einer der größeren Buben hat gesagt, wenn er der wäre, egal ob wegen Krieg oder weil er kaum zu essen hat, oder keine Schulbildung bekommt, er würde einfach laufen, immer weiter, bis er irgendwo ankommt, irgendwo, wo es besser ist. Ich hoffe, er findet einen solchen Ort.