Initiative Partnerschaft – Wir leben in einer Welt

Rezension: “Wir leben in einer Welt”
von Dr. Jos Schnurer

Initiative Partnerschaft – Eine Welt e.V.

Die Summe aller Menschen ergibt die Welt

Wie soll man, als Individuum, das auf irgend einem Teil des Planeten Erde gut oder schlecht lebt, als Wohlhabender oder Habenichts, zufrieden oder unzufrieden ist, prasst oder hungert, fremd- oder selbstbestimmt, verstehen und begreifen, dass die EINE WELT das gemeinsame Haus der Menschheit ist, die Menschen auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind und Formen finden müssen, die allen Menschen ein humanes, gerechtes und lebenswertes Leben ermöglichen? Utopische und realistische Vorstellungen, Tatsachenberichte und Prognosen gibt es seit Jahrtausenden zahlreiche, die den Menschen entweder das Paradies versprechen oder die Hölle androhen; egoistische, ideologische, solidarische und empathische Modelle sind dabei im Weltenspiel. Spätestens seit sich abzeichnet und realisiert, dass die Welt sich auf allen Gebieten menschlichen Denkens und Handelns immer interdependenter entwickelt, dass die ideologischen und nationalen Grenzen immer durchlässiger werden und dass Sprichwörter, wie – „Was geht mich an, wenn in China eine Schaufel umfällt“ – für das alltägliche wie gesellschaftliche Leben der Menschen keine Bedeutung mehr haben, seitdem wird das Nachdenken der Menschen ernsthafter und dringlicher, dass wir in Einer Welt leben:

Es sind die Berichte an den Club of Rome, die mit der Ankündigung von den „Grenzen des Wachstums“ (1972) eine neue, globale Aufmerksamkeit hervorgerufen haben; ebenso „Global 2000“, der Bericht an den amerikanischen Präsidenten (1980), mit der pessimistischen Aussage – „Wenn sich die gegenwärtigen Entwicklungstrends fortsetzen, wir die Welt im Jahr 2000 noch übervölkerter, verschmutzter, ökologisch noch weniger stabil und für Störungen anfälliger sein als die Welt, in der wir heute leben“; der Bericht der Nord-Süd-Kommission (1980), der zu einem gemeinsamen Umdenken aufruft; der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (1987), der mit der Formel „Sustainability“ für eine tragfähige Entwicklung aufruft; der Bericht der Südkommission (1990), der für die Eigenverantwortung der Dritten Welt auf ihre Entwicklung plädiert und eine globale Solidarität fordert; die Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro (1992), in der, angesichts der zunehmenden Ungleichheit zwischen Völkern und innerhalb von Völkern zu einer „globalen Partnerschaft“ aufgefordert wird; der Appell der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) – „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ – und nicht zuletzt durch die realen, die Menschheit bedrohenden Entwicklungen, dass der Planet Erde vor der Überhitzung stehe (vgl. dazu: Worldwatch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2009, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2009, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/7730.php), bewirken im lokalen und globalen Diskurs überwiegend Ohnmachtsgefühle, erzeugen Egoismen und blockieren die unverzichtbare Notwendigkeit zum Perspektivenwechsel.

Die Erfahrungen zeigen, dass es schwierig ist, Weltprobleme bis an den Gartenzaun der eigenen Befindlichkeiten wahrnehmbar zu machen; es sei denn, die Auswirkungen stellen sich direkt und unmittelbar ein. Es ist also ein Übersetzungsproblem, globale Entwicklungen lokal erkennbar, sichtbar und fühlbar zu machen. Die US-amerikanische Dozentin für Umweltsysteme und globale Ethik, Donella Meadows, hat 1992 den Versuch unternommen, die Lebensbedingungen der Menschen in der Welt auf ein „globales Dorf“ mit 1001 Einwohnern zu übertragen (vgl. dazu: Donella Meadows, Wenn die Welt ein Dorf wäre?, Bombus-Verlag, 2. Aufl., München 2003); oder der optimistische und herausfordernde Ruf beim Weltsozialforum 2002 im brasilianischen Porto Alegre: „Eine andere Welt ist möglich!“; ebenso die Anfrage „Wem gehört die Welt?“ mit speziellem Hinweis auf die „Gemeingüter“ (vgl.: Heinrich-Böll-Stiftung / Silke Helfrich,, Hrsg.: Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter, ökom Verlag, München 2009, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/7908.php); oder auch die Prognose, wie die 9-Millionen-Menschheit in der Weltgesellschaft im Jahr 2050 leben können, sollen, wollen (Christoph Zöpel: Politik mit 9 Milliarden Menschen in Einer Weltgesellschaft. Eine Orientierung in Worten und Zahlen, Vorwärts Buch, Berlin 2008, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/5720.php); auch die mittlerweile dämmernde Erkenntnis, dass der Mensch in seinem Denken und Tun nicht alles machen dürfe, was er könne (Jacob A. Goedhart, Über-Leben, Projekte-Verlag, Halle/Saale, 2006, in: www.socialnet.de/rezensionen/10087.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Kommen wir, nach den Hinweisen über den Diskurs, die Verständnisse und Missverständnisse zu der existentiellen Menschheitsfrage: „Wie wollen wir human überleben?“, zu dem Buch „Unser kleines Dorf“, das von den beiden Wirtschafts- und Sozialhistorikern am Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und –geschichte der Universität Innsbruck, Josef Nussbaumer und Andreas Exenberger und dem im Europäischen Parlament tätigen Betriebswirt und Grafiker, Stefan Neuner, 2009 als Erst- und 2010 in 7. Auflage in der Reihe „Kufsteiner Wirtschaftsstudien“ des IMT-Verlags vorgelegt wurde. Sie reagieren damit auf die drei Krisen, die die Welt erschüttern:

die Krisen, die sich durch die Globalisierung ergeben, die Energie- und die Klimakrise. Mit dem didaktischen Dreischritt – Vorstellen, Begreifen, Verstehen – entwerfen die Autoren ein Gedankenexperiment, nach dem die Weltbevölkerung von 6.775.235.741(Stand 2009, Quelle: Weltbank) in ein Dorf von 100 Einwohnern projiziert wird. Im Dorf GLOBO lebten (im Jahr 2000) rund 61 Milliarden Menschen (als statistische Grundlage des vorhandenen Datenbestandes). Die 100 Dorfbewohner siedeln in sechs Weilern, die Afrika, Asien, Europa (einschl. Sibirien), Lateinamerika (incl. Karibik), Ozeanien (mit Australien und Pazifik) und Nordamerika heißen. Die Dorffläche beträgt etwa 8,4 Quadratkilometer; die zu 71 Prozent Salzwasserfläche ist. Die restliche Fläche von 29 Prozent ist zwar Festland, das aber zu mehr als einem Drittel aus Wüsten, Ödland, Gebirgen und Gletschern besteht, was bedeutet, dass rund vier Fünftel der Dorffläche als Wohngebiet nicht genutzt werden kann. Diese Restfläche des Dorfes umfasst ca. 64 Hektar Wald, 57 Hektar Wiesen- und Weidegebiete, 25 Hektar Ackerland und Dauerkulturland. Übrig bleiben für Häuser und Infrastruktur: 3 Hektar.

Inhalt

Bei der Umrechnung der statistischen Daten, bei aller Problematik der Verkleinerung, der Vergleichbarkeit und Veranschaulichung, gehen die Autoren nach dem Prinzip der Vereinfachung vor, zugunsten des Konzepts „Globales Lernen“ und auf der Grundlage eines „globozentrierten Weltbildes“, was bedeutet: Ein „Weltbild, das ganz und gar auf den Menschen konzentriert ist, zu einem, das seine gesamte Lebenswelt im Blick hat“, und damit ego-, ethno-, germano-, euro-, macht- und dominanzzentriertes Denken und Handeln ausschließt. Im Blickpunkt stehen der Humanus (vgl. dazu auch: Jörn Rüsen / Henner Laass, Hrsg., Interkultureller Humanismus, Wochenschau Verlag, Schwalbach 2009, in socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/8537.php) und der Anthropos (Werner Petermann, Anthropologie unserer Zeit, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2010, in socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10567.php).

Das Buch ist neben dem Prolog und dem Epilog in acht Kapitel gegliedert: Bevölkerung, Wirtschaft, Landwirtschaft und Ernährung, Energie, Mobilität, Arbeit, Konsum, und im achten Kapitel werden die dabei diskutierten und aufgezeigten Lebenssituationen der Dorfbewohner als Problemaufriss zusammen gefasst.

Im Kapitel „Bevölkerung“ wird der fundamentale Wandel verdeutlicht, der sich in den letzten 200 Jahren in GLOBO vollzogen hat: das Anwachsen der Dorfbevölkerung von 18 im Jahr 1842 (davon von 4 im Weiler „Europa“) auf heute 100, mit gravierenden Folgen für die Bevölkerungsdichte, unterschiedlich in den einzelnen Weilern, der zunehmenden Alterung der Dorfbewohner und den steigenden Auseinandersetzungen über die Bedeutung der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften. Über den prognostizierten Anstieg der Dorfbevölkerung auf voraussichtlich 150 Bewohner bis zum Jahr 2050, haben sich die Menschen im Dorf bisher wenig Gedanken gemacht.

Insbesondere das wirtschaftliche Wachstumsdenken nimmt im Dorf zu (Kapitel2). Die Menschen leben nach dem Prinzip „Immer-schneller-immer-höher-immer-weiter-immer-mehr“; durch intensiven Anbau verarmen die sowieso schon unzureichend zur Verfügung stehenden Böden; die Bedingungen für einen notwendigen Lebensstandard der Dorfbewohner sind in den einzelnen Weilern ungerecht verteilt: im wohlhabenden Weiler „Nordamerika“ haben die Menschen das zwanzigfache dessen zur Verfügung, was die Menschen im armen Weiler „Afrika“ zum Leben haben.

Im dritten Kapitel wird die völlig abstruse Situation der Versorgung der GLOBO-Bewohner mit Lebensmitteln dargestellt. Während einige wenige Dorfbewohner in Saus und Braus leben und immer reicher werden, lebt die Mehrzahl der Menschen in der Dorfgemeinschaft weit unter dem Existenzminimum, viele hungern, und die Armen werden immer ärmer. Eines der ungelösten Probleme stellt die (Trink-)Wasserversorgung dar; während die Bewohner in den Weilern „Europa“ und „Amerika“ mit Wasser umgehen, als sei es unerschöpflich, fehlt es in den anderen Dorfteilen.

Ein weiteres Problem zeigt sich, im vierten Kapitel, in der unterschiedlichen Energieerzeugung und im ungerechten Energieverbrauch im Dorf. Der Ruf „Weg vom Öl“ (vgl. dazu: Erhard Keppler: Weg vom Öl – aber wie? Projekte-Verlag, Halle 2008, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/10066.php) ist erst von einigen Dorfbewohnern zaghaft zu hören; und die Forderungen nach einer nachhaltigen und klimaverträglichen Energiepolitik werden nur von Einzelnen im Dorf erhoben.

Das fünfte Kapitel handelt von „Mobilität“, und zwar sowohl der des Homo Migrans, als auch der Verkehrsmobilität, der wirtschaftlichen Handelswege und der touristischen Aktivitäten.

Das „schwarze Loch“ Arbeit stellt sich im sechsten Kapitel als für die Lebens- und Überlebensbedingungen der Menschen in GLOBO existentiell dar: Arbeitslosigkeit auf der einen Seite, Kinderarbeit auf der anderen. Die Entlohnung der (überwiegend fremdbestimmten) Arbeit ist unzureichend und ausbeuterisch.

Den Homo Consumens drängt es, im siebten Kapitel, nach wirtschaftlichem Wachstum, Wohlstand und Verbrauch. Jedoch ist die Mehrzahl der 100 GLOBO-Bewohner davon ausgeschlossen: 15 Menschen müssen nämlich in slumartigen Behausungen leben, 45 haben überhaupt keinen Zugang zu modernen sanitären Einrichtungen, die Gesundheitsversorgung ist völlig unzureichend, die Möglichkeit, regelmäßig eine Schule zu besuchen und abzuschließen, ist bei den Kindern im schulpflichtigen Alter eingeschränkt.

Der „ökologische Fußabdruck“, den die GLOBO-Bewohner hinterlassen, zeigt sich bei den Einzelnen äußerst unterschiedlich und tief. Bei der Berechnung der „Biokapazität“ stellt sich sehr schnell heraus, wie die Ungerechtigkeiten im Dorf verteilt sind. Würden nämlich alle Dorfbewohner so viel Getreide verbrauchen wie die im Weiler „Nordamerika“, könnten nur 38 von 100 Menschen ausreichend ernährt werden; stünde allen Dorfbewohnern jedoch soviel Getreide zur Verfügung, wie die Menschen im Weiler „Asien“ zur Verfügung haben, wäre es immerhin möglich, davon nicht 100, sondern 154 Menschen im Dorf zu ernähren.

Fazit

Soweit die Problemlagen der (Einen?) Welt, die sich im „Globalen Dorf“ verdichten. Interessant ist, dass in GLOBO kaum jemand von den Bewohnern daran denkt, die Macht zu übernehmen, um die ungerechten Verhältnisse zu verändern und „globale Gerechtigkeit“ einzufordern oder durchzusetzen, sondern dass die Dorfbewohner sich scheinbar damit abgefunden haben, dass die kapitalistischen und neoliberalen lokalen, regionalen und globalen Verhältnisse so sind, wie sie sind, ohne auch zu erproben, ob es eine andere, gerechtere Welt gibt (vgl. dazu: John Holloway, Die Welt verändern, ohne die Macht übernehmen, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2002, in socialnet Rezensionen www.socialnet.de/rezensionen/10535.php; siehe auch: Raina Zimmering: Zapatismus <emanzipatorische Bewegungen>, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2010, in socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10557.php).

Natürlich geht bei diesen gewaltigen, globalen Problemen vieles von dem verlustig, was Ursachen und Wirkungen in der ungerechten, unfriedlichen und inhumanen Welt betrifft, wenn man versucht, die Weltprobleme auf ein Dorf mit 100 Bewohnern herunter zu brechen. Aus der Sicht des interkulturellen, globalen, internationalen und transkulturellen Lernens ist es zwar notwendig, abstrakte Problematiken anschaulich zu gestalten; eine allzu große Verkleinerung als Brennglas zu benutzen, verringert jedoch eine differenzierte Betrachtung. So ist zu fragen, ob die Festlegung auf 100 Bewohner in GLOBO nicht dazu führt, die Relationen und Knackpunkte eher unsichtbar als erkennbar zu machen. Beim Interkulturellen Lernen gilt als ein wesentliches Erkennungs- und Erklärungsmoment die Vielfalt der Menschheit und deren Anerkennung als gleichwertige Lebensart der Menschen. Ob sich dies in GLOBO mit 100 Bewohnern verdeutlichen lässt, ist zu bezweifeln.

Trotzdem: Das Unterfangen, mit GLOBO die Weltprobleme und –zustände anschaulich und lokal zu präsentieren, kann nur begrüßt werden. So könnte das Buch „Unser kleines Dorf“ ein ausgezeichnetes Unterrichts- und Aufklärungsmittel sein – wäre da nicht der m. E. (allzu) hohe Verkaufspreis von 27,90 Euro (38,30 sFr). Eine Verringerung des Preises ließe sich m. E. auch dadurch erreichen, würden Text und Abb. auf einer preisgünstigeren CD-ROM heraus gegeben – zumal diese für die Bildungsarbeit auch vielfältiger eingesetzt werden könnte. Die aussagekräftigen, interpretationsfähigen und farblich gut gestalteten zahlreichen Skizzen und Karten von Stefan Neuner sollen dabei in besonderer Weise erwähnt werden, wenn sie sich auch für die Unterrichtsarbeit in einem größeren Format besser eignen würden.

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